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Der erste Box-Gentleman

Text: Peter Stroß

Bis heute gilt Ray Arcel als einer der besten Coaches aller Zeiten. Doch der Mann mit dem edlen Charakter hatte in seinem Leben viele Hürden zu nehmen, geriet dabei auch ins Visier der Mafia. BOXSPORT erinnert an die Trainer-Legende.

Roberto Duran winkt ab und geht in die Ringecke. Es ist erst die achte Runde, aber der amtierende Champion hat genug. „Roberto, was machst du da? Was soll das?“, fragt Ray Arcel entsetzt. Noch einmal gibt der Ringrichter den Kampf frei, aber Duran will nicht mehr: „No mas, no mas“ – während „Sugar“ Ray Leonard die Arme hochreißt, blickt Arcel seinen panamesischen Schützling fassungslos an. „So kannst du doch nicht aufhören. Du kannst es doch nicht einfach so beenden, nur weil dir danach ist. Du kämpfst jetzt weiter und hältst dich an das, was wir besprochen haben!“ Aber dieses eine Mal macht Roberto Duran nicht das, was ihm sein Coach aufträgt. Er gibt den Kampf auf. Arcels Miene versteinert sich, ungläubig blickt er hin und her, als suche er die Erklärung für all das in der Ringecke oder unter dem Hallendach.

Es ist die bitterste Stunde in seiner über fünf Jahrzehnte dauernden Tätigkeit als Boxtrainer. „Sie meinen, mir erzählen zu müssen, Duran hätte eine Herzerkrankung? Er hat nicht mal ein Herz“, gibt der 81-Jährige im Anschluss völlig entrüstet zu Protokoll. Später gibt er die Schuld für das Scheitern dann sich selbst: „Wenn ein Boxer einen Kampf im Ring verliert, ist es oftmals die Schuld des Boxers. Wenn er einen Kampf im Kopf verliert, ist es immer die Schuld des Trainers.“ Die Szenen des zweiten Aufeinandertreffens zwischen Roberto Duran und „Sugar“ Ray Leonard am 25. November 1980 zählen noch knapp 40 Jahre später zu den merkwürdigsten -Momenten der Boxhistorie und wurden 2016 sogar in dem Film „Hands of Stone“, einer Duran-Biografie, inszeniert.

Was Ray Arcel von der Verkörperung Robert de Niros als seiner selbst gehalten hätte, ist ungewiss. Am 7. März 1994 verstarb der weltberühmte Coach im Alter von 94 Jahren in New York – dem Ort, an dem er 1916 mit dem Box-Gen infiziert wurde. -Damals hingen er und seine Freunde in einem Barbershop in Harlem herum und langweilten sich. Der Besitzer des Ladens war ein Boxpromoter und nahm die Jungs mit zu einem Kampf. Der Eintritt kostete einen Quarter (25 Cent), im Ring stand -niemand geringeres als Schwergewichtslegende Jack Dempsey.

Vom Barbershop in den „Garden“

Zu diesem Zeitpunkt war Ray Arcel 16 Jahre alt – und hatte schon einiges erlebt. Am 30. August 1899 erblickt der Sohn eines jüdischen Einwanderers russischer Herkunft und einer Amerikanerin in Terre Haute (Indiana) das Licht der Welt. Doch die Familie zieht bereits kurz nach der Jahrhundertwende nach New York, wo Ray erst in Manhattan, später in Harlem aufwächst und dabei früh auf sich allein gestellt ist. Denn seine Mutter verstirbt kurz nach der Ankunft im „Big Apple“. Rays Vater muss viel und hart arbeitet, um die beiden über Wasser zu halten.

So treibt sich der Heranwachsende in Harlem herum, wo Faustkämpfe auf den Straßen zur Tagesordnung gehören. „Du musstest damals fighten“, sagte Arcel rückblickend in einem Interview. „Ich wohnte in einer Gegend, in der du jeden Tag herausgefordert wurdest. Wo auch immer du hingingst, sahst du zwei Kerle, die sich duellierten.“ Als Arcel im besagten Jahr 1916 erstmals zwei richtige Kerle in einem Ring kämpfen sieht, verschreibt er sich fortan dem Boxsport. Zunächst probiert er sich semi-professionell als Boxer, doch früh entdeckt Arcel seine Leidenschaft und sein Talent für den Trainerjob.

Arcel formt 20 Champions

Sein Handwerk lernt er in den 1920er-Jahren im Stillman’s Gym, das nur ein paar Meter entfernt vom glorreichen Madison Square Garden liegt. 1923 hat Arcel bereits seinen ersten Weltmeister, Frankie Genaro, hervorgebracht. Darauf folgen in den kommenden sechs Jahrzehnten noch sage und schreibe 19 weitere Champions. Bereits in der 1930er-Jahren ist Ray Arcel einer der gefragtesten Boxtrainer in New York. Doch was macht er anders als andere Coaches?

„Es gab so viele wirklich fiese Charaktere im Boxen, vor allem abseits des Rings. So jemand wie Ray war da wirklich ein Juwel“, beschreibt der ehemalige „The Ring“-Autor Mike Silver, der mit Arcel gut bekannt war, dessen Ausnahmestatus. Arcel unterscheidet sich von seinen Kollegen nicht nur durch seine Kleidung im Stil eines Gentlemans, sondern vor allem durch seine höfliche Art, durch Eloquenz und seinen Blick über den Tellerrand hinaus.

Anders als andere Coaches interessiert sich Arcel für seine Kämpfer, kümmert sich auch abseits des Ringes und lehrt sie weit mehr als nur den Faustkampf. „Wenn dein Sohn zu dir kommen und dich anbetteln würde, weil er Boxer werden will, dann würdest du ihn zu Ray Arcel schicken. Nicht, weil er technisch alles besser wusste, sondern weil er das Boxen an sich mit all seinen Facetten verstand, und weil er seine Athleten individuell bestmöglich vorbereitete“, erzählt Silver.

Die Schützlinge lobten ihren Coach aus Harlem ebenfalls in den höchsten Tönen. Ob Benny Leonard, Ezzard Charles, Roberto Duran oder Larry Holmes – sie alle wurden unter der Trainerlegende Weltmeister. „Ray Arcel machte mir klar, was wirklich wichtig ist im Leben. Er war mein Trainer, mein Vater, mein Psychologe, mein Lehrer, mein Freund, mein Mentor“, beschrieb Mittelgewichtler Billy Soose rückblickend das Verhältnis zu seinem Ausbilder.

Auch für den vielleicht besten Leichtgewichtler aller Zeiten, Roberto Duran, war Arcel mehr als ein Coach: „Ray war wie ein Vater für mich. Ich habe ihn immer den ,Kopf Roberto Durans‘ genannt.“ Aussagen, die Arcel wohl gefallen hätten und seinem eigenen Selbstverständnis von seinem Beruf entsprachen: „Ich habe mich nie als Trainer betrachtet, ich hielt mich für einen Lehrer.“

Doch nicht bei allen kam Arcels Art gut an. Wegen seiner Verachtung für die kriminellen Machenschaften im Boxgeschäft machte sich „der erste Gentleman des Boxsports“, wie ihn Sportjournalist Red Smith einst taufte, einige Feinde. Das wurde dem Erfolgscoach zum Verhängnis, als er in den frühen 1950er-Jahren Kämpfe zusammen mit dem Sender „ABC“ ins nationale Fernsehen bringen wollte.

Die Austragungen konkurrierten mit den TV-Kämpfen des „International Boxing Club of New York“ (IBC), der angeblich Unterwelt-Verbindungen hatte. Arcel war dem organisierten Verbrechen somit ein Dorn im Auge. Zu spüren bekam er das 1953, als er vor einem Bostoner Hotel von einem Unbekannten mit einem Bleirohr attackiert und halbtot geprügelt wurde. Arcel überlebte und konnte drei Wochen später das Krankenhaus wieder verlassen. Dem Angriff folgte eine Warnung: Sollte Ray Arcel weiterhin als Boxtrainer Geld verdienen, würde er dafür mit dem Leben bezahlen.

Der damals 54-Jährige erholt sich von dem Angriff und zieht sich komplett aus dem Geschäft zurück. Knapp zwei Jahrzehnte lang kehrt er dem Box-Zirkus den Rücken und arbeitet in dieser Zeit als Einkäufer für eine Metallfirma. Bis zum Jahr 1971. Arcels Telefon klingelt, am anderen Ende: Boxmanager Carlos Eleta Almarán, der von einem wilden Jungen aus den Slums von Panama City erzählt. Dessen Name: Roberto Duran, ein Boxer mit unglaublichen Qualitäten, dem allerdings etwas Entscheidendes zum Champion fehlte: das mentale Rüstzeug, um ein Großer zu werden. Arcel reizt die Aufgabe. Doch um weiterem Ärger mit der Mafia vorzubeugen, nimmt sich der Coach dem Ausnahmetalent unter der Bedingung an, dass er für sein Engagement kein Geld bekommt. Der Rest ist Geschichte.

Der letzte Auftritt

Zehn Jahre später steht der Trainer-Veteran, der nahezu alle großen Boxer des 20. Jahrhunderts live hat kämpfen sehen und viele von ihnen trainiert hat, dann allerdings tatsächlich zum letzten Mal in der Ringecke. Die Titelverteidigung seines letzten Schützlings Larry Holmes 1982 gegen Gerry Cooney ist Arcels letzter Auftritt im Profiboxen. Anschließend zieht er sich aus dem Sport zurück, diesmal aus freien Stücken. In seiner Laufbahn trainierte der „Gentleman“ über 2.000 Boxer und 20 Weltmeister. Und er war der erste Coach, der in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen wurde.

„Das Gefühl für den Ring ist eine Kunst. Ein Geschenk Gottes, das aus einem Boxer herausfließt, so wie ein Gemälde aus einem Maler herausfließt. Entweder man ist damit seit seiner Geburt gesegnet oder man ist es nicht“, philosophierte Ray Arcel einst. Sicher ist: Er selbst besaß eine besondere Gabe, dieses Talent bestmöglich zum Vorschein zu bringen.

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