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Text: Max Wipperfürth / Pressemitteilung

 

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Faustkämpfer aus der Farbenstadt

Kaum ein Boxklub in Deutschland kann auf eine so lange und erfolgreiche Historie zurückblicken wie der TSV Bayer 04 Leverkusen. Doch der Glanz früherer Tage ist verblasst. Heute fehlt vom achtfachen Deutschen Mannschaftsmeister in der Bundesliga jegliche Spur – Warum?

Sie ist schon leicht vergilbt, die Titelseite der BOXSPORT vom 11. Juni 1986. „Leverkusen Bundesliga-Meister ’85/’86“, prangt dort in schwarzen Lettern. Eine Seite weitergeblättert, hält Bayer-Boxer Vasli Vuran den DMM-Pokal und eine Modellversion eines Opel Senator in der Hand. Mit einem 3:0-Sieg über Wolfgang Kamm verhilft Vuran den Faustkämpfern aus der Farbenstadt zur insgesamt sechsten DABV-Mannschaftsmeisterschaft. So posiert er mit seinem Trainer Helmut Müller sowie Hans Hoch, seines Zeichens „Box-Chef“ der Bayer-Athleten. „Bayer Leverkusen übertrifft jetzt den SC Colonia 06“, lautet die Hauptzeile. Bislang hatten die Kölner Boxer mit fünf Titeln den Rekord gehalten. Damals scheint es, als hätten die Leverkusener dem rheinischen Rivalen den Rang abgelaufen.

Und es sollten noch zwei weitere Titel dazu kommen, weshalb BOXSPORT im Juni 2002 erneut ein Foto der Meister-Boxer abdruckt, diesmal allerdings feuchter, fröhlicher, farbiger. Bayer-Boxer Mehmet Hendem reckt den Pokal in die Höhe, um ihn herum freuen sich seine Leverkusener Teamkollegen. Nebenstehend erklärt Trainer René Breitbarth den insgesamt achten Meistertitel, verrät als „Vater des Triumphes“, wie es in der Überschrift heißt, was Bayer zu dieser Zeit zum prestigeträchtigsten Amateurboxverein macht. „Es gibt bei uns einen systematischen Aufbau von unten nach oben. Jetzt ist es wieder an der Zeit, einen eigenen Nachwuchs in die Ligamannschaft zu führen.“ Liest man diese Zeilen, geht man davon aus, Bayer dominiere die folgenden Jahre den Amateur-Boxsport in Deutschland. Doch es kommt anders.

Aber der Reihe nach. Kurz nach dem 1. Weltkrieg gründet sich 1920 der Deutsche Amateur-Box-Verband. Auch in Leverkusen schließen sich bereits Faustkampffreunde zusammen. In der Turnhalle des viele Jahre zuvor gegründeten „Turn- und Spielvereins 1904 der Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.“ gehen sie ihrem Hobby nach, bevor sie 1921 den eigenen „Box- und Sportverein Wiesdorf“ gründen. Am 8. Januar 1928 schließen sich diese Boxer bei einer Gründerversammlung in Wiesdorf mit den ebenfalls zum TuS 04 gehörenden Leichtathleten -sowie den Hand-, Faust- und Fußballern zur „Sportvereinigung Leverkusen 04“ zusammen. Diese wird nach einer 1982 stattfindenden Fusion mit dem TuS 04 Bayer schließlich zum heutigen Großklub Turn- und Sportverein TSV Bayer 04.

Felix Sturm und „Der schöne René“

In diesem Jahr schließt sich auch Mario Gruben den boxbegeisterten Leverkusenern an. Heute ist er als Geschäftsführer beim TSV tätig. „Bis 1987 habe ich auch Bundesliga geboxt“, sagt er im Gespräch mit BOXSPORT. Und das sogar sehr erfolgreich: 1984 gewinnt er in Köln für Bayer die Deutsche Meisterschaft in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm. „Die Höhepunkte waren aber natürlich die zahlreichen Deutschen Meisterschaften, die wir mit der Mannschaft errungen haben“, erinnert er sich. 1983, ’84 und ’86 steht er selbst im Kader, auch zuvor gewinnt der TSV 1978, ’80, ’81 sowie später 2001 und 2002 die Mannschaftsmeisterschaft. Das macht den Verein zum deutschen Rekordmeister, ehe der Velberter BC 2012 mit dem neunten Titel vorbeizieht.

Doch nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene machen TSV-Boxer von sich reden. Bei Olympischen Spielen etwa sind Athleten aus Leverkusen fast immer vertreten, erstmals 1960 in Rom, wo Emil Willer, erster Deutscher Meister aus dem Bayer-Lager (1956) teilnimmt. Reinhard Skriczek holt 1976 in Montreal gar die Bronzemedaille im Weltergewicht bis 67 Kilogramm. 1992 wird dann zum erfolgreichsten Jahr für die Faustkämpfer. Von den Spielen in Barcelona kehren mit Orhan Delibas (Silber im Halbmittelgewicht bis 71 kg) sowie Jan Quast (Bronze im Halbfliegengewicht bis 48 kg) und Arnold Vanderlijde (Bronze im Schwergewicht bis 91 kg) drei Boxer mit Edelmetall zurück in die Heimat.

Auch ein gewisser Adnan Catic, heute unter dem Namen Felix Sturm berühmt (und berüchtigt), tritt unter dem Bayer-Kreuz an, kommt während seiner Amateurkarriere auf 134 Siege bei nur neun Niederlagen. 1995 und ’96 wird er Deutscher Juniorenmeister, 1998 und ’99 Deutscher Meister im Halbmittelgewicht. In dieser Gewichtsklasse trat er gar bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney an, scheiterte aber im Viertelfinale.

Die wohl bekanntesten Fighter aus der Farbenstadt sind jedoch zweifellos René Weller und Peter Hussing. Der als „schöner René“ bekannte, gebürtige Pforzheimer erringt 1978 in Belgrad WM-Bronze im Leichtgewicht bis 60 Kilogramm, wird zwischen 1976 und 1980 vier mal in Folge Deutscher Meister in derselben Gewichtsklasse. Der inzwischen verstorbene -Peter Hussing dominiert von 1979 bis 1983 das Schwergewicht bis 91 Kilogramm, holt jedes Jahr den Meistertitel und erringt bei den Europameisterschaften 1979 in Köln gar Gold (+91 kg). Das gelingt auch TSV-Boxer Dariusz Michalczewski, der später als „Tiger“ eine äußerst erfolgreiche Profikarriere hinlegt: 1991 darf er sich in Göteborg EM-Gold im Halbschwergewicht bis 81 Kilogramm umhängen.

Es zeigt sich: Nicht viele Boxklubs in Deutschland können auf eine derart illustre Historie zurückblicken – zumindest bis 2002, dem Jahr des letzten Meistertitels. Dort endet auch der Historie-Abschnitt auf der Vereinshomepage – was die Frage aufwirft, was mit dem ehemaligen Schwergewicht der Amateurszene passiert ist? Denn schaut man heute auf das Teilnehmerfeld der Box-Bundesliga, fehlt von der Stadt am Rhein jede Spur. „Wir beschäftigen uns mittlerweile nur noch mit Freizeit- und Breitensport, versuchen aber, in unserem Trainingsprogramm auch den Leistungssport abzubilden. Bei uns hat jeder die Möglichkeit, den Freizeit- und Breitensport sowie den Leistungssport anzunehmen. Das ist unsere Intention“, erklärt Geschäftsführer Gruben die aktuelle Ausrichtung des Vereins.

„Rückzug hat sehr weh getan“

2005 zog sich Bayer aus der ersten Bundesliga zurück. „Das hatte hauptsächlich finanzielle Gründe, der Verein wollte das Bundesliga-Engagement nicht mehr tragen. Dann haben wir versucht, in der Oberliga Fuß zu fassen. Das hat eigentlich auch ganz gut geklappt. 2010 sind wir aber auch dort ausgetreten, das wurde ebenfalls über unsere Köpfe hinweg -beschlossen. Und so ist das eben bis heute geblieben“, sagt Gruben. Ambitionen, irgendwann einmal in die Bundesliga zurückzukehren, gebe es nicht. „Unser Sportverein hat sich auf die Ballsportarten festgelegt, für den Kampf- und Boxsport ist da kein Platz. Und das, obwohl immer noch reges Interesse besteht. Da hat sich nichts großartig verändert, die Mitgliederzahl war in der Vergangenheit beständig, und das ist auch heute noch so.“

Mittlerweile zählt die Abteilung laut Gruben schwankend zwischen 180 und 200 Mitglieder, etwa 80 bis 90 von diesen seien noch aktiv. „Bei uns teilt sich das nun in drei Gruppen auf: Jugendliche bis 16 Jahre, Fortgeschrittenengruppe ab 16 aufwärts, die am ‚Leistungssport‘ teilnehmen. Und dann haben wir noch eine Hobby- und Fitnessgruppe, das sind etwa 30 bis 50 Personen“, führt er auf. Damit, so Gruben, habe man sich inzwischen ganz gut arrangiert. „Der Rückzug aus der Bundesliga, das hat schon sehr wehgetan“, blickt er zurück. „Insgesamt haben wir fünf Trainer für diese drei Gruppen, die haben sich mit der Situation abgefunden.“ Jene, die im Leistungssport höher hinaus wollen und sich zum Beispiel für eine Deutsche Meisterschaft qualifizieren möchten, „haben bei uns immer noch alle Möglichkeiten, daran auch teilzunehmen. Und auch wenn es weiter nach oben gehen soll, sind sie bei uns gut aufgehoben“. So lebt die lange Boxtradition in Leverkusen weiter – wenn auch nicht mehr ganz so im Rampenlicht wie früher, auf der inzwischen schon leicht vergilbten BOXSPORT-Titelseite.

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imago images / Eibner